Rating: PG-13

 

Genre: Drama

 

Zusammenfassung:

 

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Gestohlenes Leben

 

Kapitel 1 - 20. Mai 1975

ERÖFFNUNGSSEQUENZ

East Hills Street 52. Der kühle Frühlingswind pfiff durch die kleinen, verdreckten Gassen und wehte alte Zeitungen und andere Müllreste die Hinterhöfe entlang. Die in dunklem rot verschwindende Abendsonne, warf ihr letztes Licht auf ein kleines Fenster im dritten Stock des alten Appartements 32c. Im inneren brannte Licht und aus dem Radio ertönten die leisen Klänge des aktuellen Tophits von Sweet: Ballroom Blitz, der Song katapultierte sich innerhalb weniger Wochen ganz nach oben in die Hitlisten sämtlicher Radiostationen.
„Warum machst du das andauernd? Manchmal da.... manchmal da denke ich du machst das mit Absicht.“

Joanna räumte wütend die letzten dreckigen Teller vom Tisch und warf sie in die Spüle.

„Hör auf so etwas zu sagen. Ich arbeite den ganzen Tag hart für ein paar Kröten um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben.“

Steve, ihr Mann stand, schwer ermüdet, vom Wohnzimmersofa auf und ging in die Küche um sich bei seiner Frau zu entschuldigen.

„Ich, ich habs langsam satt. Den ganzen Tag räume ich auf, kaufe ein, koche und dann, wenn ich denke alles geschafft zu haben, geht das alles von Vorne los. Wie... wie soll das in 8 Monaten werden? Soll ich mit dem Kind auf dem Rücken über den Küchenboden kriechen und hier alles sauber machen?“

Joanna fasste sich weinend an ihren Bauch. Die beiden erwarteten ein Kind. Vor einigen Tagen hatte sie es von ihrem Arzt erfahren. Und eigentlich waren beide froh darüber, nur waren sie nun mal nicht mit großen Reichtümern gesegnet und das Geld reicht jetzt schon vorne und hinten nicht.

„Was erwartest du von mir? Soll ich eine Haushälterin einstellen? Soll ich das machen? Verdammt noch mal, und von welchem Geld sollen wir uns dann ernähren? Soll ich nach der Arbeit die Essensreste aus den Mülltonnen sammeln? Soll ich das? Verdammt noch mal, langsam hab ich’s satt. Jeden Abend die selbe alte Leier.“

Steve, war wieder einmal zu weit gegangen. Er neigte ja schon immer dazu unbeherrscht zu reagieren. Joanna packte ihre Tasche von der Kommode und griff nach ihrer Jacke.

„Wo willst du jetzt noch hin?“
„Ich hol mir noch ne Packung Zigaretten.“
„Nein, das wirst du nicht. Du sollst nicht rauchen, nicht mehr.“
Steve packte seine Frau mit einem unsanft, festem Griff am Arm um sie davon abzuhalten.
„Lass mich los. Ich lasse mir von dir nichts verbieten.“
Seine Hand fuhr völlig unkontrolliert im Zorn, über ihr Gesicht und traf sie direkt an der Wange. Danach ließ er sofort von ihr ab und sie verschwand durch die Tür hinaus.

....

Der Regen prasselte auf die Gasse nieder. Das fahle Mondlicht spiegelte sich in den ölverschmierten Wasserpfützen wieder und rot blaue Lichter strahlten durch den Nachthimmel und verfingen sich an den Hausmauern.

„Lassen sie die Waffe fallen und legen sie die Hände hinter den Kopf.“

Einer der vielen Polizisten lief, die Pistole in den gestreckten Händen auf Steve zu, welcher ein blutverschmiertes Messer in den zittrigen Händen hielt, während er auf den leblosen Körper seiner vor ihm liegenden Frau starrte.

Ohne Wiederstand zu leisten, ließ er sich von einem der Beamten festnehmen, bis zuletzt den Blick auf Joannas lebloses, durchnässtes Gesicht gerichtet.

....

Kapitel 2 - 21. Juni 2005

....

Lilly war gerade dabei die letzen Knöpfe ihres Hemdes zu schließen und griff sich ihre Wagenschlüssel vom Schränkchen unter dem Spiegel. Sie wollte gerade ihre Waffe aus der Kommode holen, als es an der Tür klopfte.

Ihre beiden Katzen ließ das Klopfen im Gegensatz zu Lilly völlig kalt und sie schlummerten nach einem kurzen Augenöffnen weiter auf dem Schlafsofa.

Mit der Frage im Hinterkopf wer denn dies sein könnte öffnete Lilly die Tür und vor ihr stand ein älterer Mann, den Falten in seinem Gesicht und den wenigen Haaren auf dem Kopf nach zu urteilen etwa in den Fünfzigern. Lilly kannte die Person nicht, hatte sie nie zuvor gesehen und der Mann sah auch nicht so aus, als ob er zu einem Kurierdienst oder etwas ähnlichem gehörte.

Doch mit einer freundlichen, beruhigenden Stimme sprach er sie an.
„Entschuldigen sie. Ich.. hoffe ich störe sie nicht. Aber mein Wagen hat eine Panne und ich hatte gehofft, dass sie vielleicht so freundlich sein könnten, mich ihr Telefon benutzen zu lassen?“

Lilly war etwas vorsichtig. Obwohl der Mann ihr nett erschien, ließ sie grundsätzlich keine Fremden in ihre Wohnung.

„Oh, ja einen Moment. Ich habe ein Handy hinten in meiner Tasche, wenn sie einen Moment warten, dann hole ich es.“

„Oh, ja, das wäre sehr nett von ihnen, danke.“

Lilly wandte sich von ihm ab und begab sich zu ihrer Tasche, welche ebenfalls auf der Kommode stand. Als sie zu ihrem Handy griff, konnte sie spüren wie etwas hartes gegen ihren Rücken drückte und die ältere Stimme zu ihr sprach:

„Hände aus der Tasche und langsam auf den Rücken.“
Und noch ehe sie wusste, was genau los war, schnalzten die Handschellen schon über ihre Knöchel.

„Was wollen sie? Geld?“
„Nein. Ich will das sie einen Mörder finden.“

....

ENDE ERÖFFNUNGSSEQUENZ

INTRO

Kapitel 3

„Einen Mörder? Wer ist ermordet worden?“
Die Angst war deutlich in ihrer Stimme zu spüren und auch Steve war diese ganze Situation eher unangenehm.
„Meine Frau.“
„Ihre Frau? Ok. Legen sie die Waffe weg und wir reden darüber.“
„Nein. Ich habe schon einmal auf die Polizei gehört und was hat es mir eingebracht, außer Ärger und Leid?“
Lilly wolle sich umdrehen um dem Mann in die Augen zu blicken. Sie hoffte so erkennen zu können ob er verrückt oder verzweifelt war oder vielleicht beides.

„Keine Bewegung. Bleiben sie stehen wo sie sind.“
Steve ging einige Schritte zurück und setzte sich auf das Sofa zu den beiden Katzen.
„Jetzt langsam umdrehen. Aber keine falsche Bewegung.“
„Sie wissen, das sie dafür ins Gefängnis wandern?“
„Pfff. Ich gehe nicht mehr ins Gefängnis. Nicht noch einmal. Dreißig verdammte Jahre war ich im Knast, dreißig Jahre für etwas, dass ich nicht getan habe.“
„Und was?.. Was haben sie nicht getan?“
„Meine Frau ermordet. Deshalb bin ich hier. Ich habe von ihnen gehört. In der Zeitung habe ich einige Artikel über sie gelesen. Über alle die ungelösten Mordfälle.“
„Und da dachten sie, mich zu besuchen und mir eine Waffe an den Kopf zu halten, würde mich dazu bewegen ihnen zu helfen? Wieso sollte ich ihnen überhaupt zuhören? Haben sie eine Ahnung wieviele Verrückte ich jeden Tag treffe?“

„Ich bin nicht verrückt. Ich bin unschuldig!“
Steve verlor wieder einmal die Kontrolle und schlug mit den Händen kräftig in die Kissen. Er schreckte dabei die beiden Katzen auf, die fluchtartig ihren Instinkten folgten und sich unter dem Tisch verkrochen. Nach all den Jahren hatte er immer noch nicht gelernt seine Wut in den Griff zu bekommen.

„Den Eindruck machen sie aber nicht gerade. Warum legen sie nicht die Waffe weg und wir beide fahren aufs Polizeirevier und reden darüber?“
„Nein, ich bin nicht dumm. Sie werden sich jetzt hinsetzen und mir zuhören. Bitte, zwingen sie mich nicht etwas unüberlegtes zu tun.“
Steve spannte den Hahn und zielte mit der Waffe auf Olivia, eine der beiden Katzen.

„Nein, tun sie das nicht. Ich.. ich setzte mich ja schon.“
„Ich will nicht, das sie schlecht von mir denken, aber...“
„Sie bedrohen mich mit einer Waffe und wollen eine meiner Katzen erschießen und ich soll nicht schlecht von ihnen denken?“
„Nein.. Ich würde nie jemandem etwas antun, das habe ich noch nie getan. Alles was ich will..... alles was ich will ist Gerechtigkeit!“
„Gerechtigkeit? Wofür?“
„Für mein zerstörtes Leben. Ich will den Mörder finden, bevor....“
Steve verstummte und sein Blick sank zu Boden.
„Bevor was?“
„Das geht sie nichts an.“
„Gut, dann geht es mich nichts an. Also fangen sie an. Erzählen sie.“

Steve wandte seinen Blick zum Fenster hin und begann zu erzählen. Er erzählte ihr alles, was an jenem Abend, den 20. Mai 1975 passierte. Seine Unterhaltung und seinen Streit mit seiner Frau. Wie er die Beherrschung verlor als sie das Haus verließ. Sogar an den Song aus dem Radio konnte er sich noch erinnern. Dann unterbrach er seine Geschichte jedoch.

„Was passierte dann?“

Steve schüttelte den Kopf und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.

„Dann.... es waren einige Stunden vergangen. Und draußen hatte es zu regnen begonnen. Ich machte mir sorgen um sie. Immerhin war es sehr kalt und sie war... in anderen Umständen. Also verließ ich die Wohnung und ging nach draußen. Ich wollte mich auf den Weg zum Shop um die Ecke machen, und da sah ich .....“

Er brach in Tränen aus.

„Was sahen sie da?“

„Ich.... Ich sah sie da im Regen liegen. Ich rief ihr zu, aber... aber sie antwortete nicht. Ich lief auf sie zu, schüttelte sie, und dann.... dann war da alles voller Blut. Und... und da lag dieses... dieses Messer... und da war... so viel Blut und.....“

„Was dann?“

„Und dann kam auch schon die Polizei und die nahmen mich dann fest.“

Lilly wusste nicht was sie davon halten sollte. Sprach er wirklich die Wahrheit? Sie hatte in den letzen Jahren schon zu oft Menschen gesehen, die es verstanden zu schauspielern. Andererseits, was wollte der Mann dann hier, wenn er seine Frau doch umbrachte? Immerhin hatte er dafür die letzen dreißig Jahre im Gefängnis verbracht. Die Strafe war abgesessen, es gab keinen Grund mehr für ihn zu lügen.

„Ich helfe ihnen.“

„Was? Wirklich? Sie... sie helfen mir?“

„Ja, aber sie müssen die Waffe weglegen.“

„Nein. Nein das werde ich nicht tun.“

„Doch das müssen sie. Wenn... wenn ich nicht bald in der Arbeit erscheine, oder... oder die nichts von mir hören, dann werden die anrufen und wenn ich nicht antworte, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die jemanden vorbeischicken, der nachsieht ob alles in Ordnung ist. Also legen sie die Pistole weg und ich helfe ihnen.“

„Wenn sie mich anlügen, dann....“

„Vertrauen sie mir.“

„Stehen sie auf und drehen sie sich um.“

Lilly tat dies, obwohl ihr der Sinn davon nicht ganz klar war.

„Knien sie sich hin. Na los.“

„Tun sie das nicht. Bitte. Ich... Ich will ihnen wirklich helfen.“
Lilly hatte Angst. Sie hatte schon einmal soviel Angst. Eigentlich sollte ihr dieses Gefühl als Polizistin fremd sein, doch so war es nicht. Sie erinnerte sich daran, wie es war, als das letzte Mal eine Waffe auf sie gerichtet wurde und sie wollte gar nicht daran denken wie die Situation damals ausging. Und ihr Herz pochte immer schneller, als sie den Lauf der Pistole an ihrem Hinterkopf spürte.

„Nein, bitte.“

Dann hörte sie jedoch das klicken der Handschellen und der Druck auf ihre Handgelenke gab langsam nach. Reflexartig, rollte sie sich schnell auf die Seite und fuhr mit ihrem Fuß zwischen Steves Beine um dem, doch sehr verdutzten, den Stand zu nehmen und ihn zu Fall zu bringen. Steve fiel unsanft auf den harten Teppichboden, er war immerhin nicht mehr der Jüngste. Dabei ließ er die Waffe aus den Händen fallen, und Lilly schnappte sie sich schnell um sie auf ihn richten zu wollen. Doch verblüfft musste sie feststellen, dass es sich dabei nur um eine Attrappe handelte. Ein billiges Kinderspielzeug.

„Was? Damit haben sie mich bedroht? Das.. das ist nur ein Spielzeug.“

„Ich sagte doch, ich könnte Niemandem etwas tun. Ich will doch nur... ich will doch nur, dass mir endlich wer zuhört.“

„Wieso? Wieso haben sie mich nicht einfach im Büro besucht?“

„Ich hatte Angst, dass sie... das sie mir nicht glauben würden. So wie die Polizei mir damals auch nicht geglaubt hat.“

Nun tat Lilly leid, was sie dem alten Mann angetan hatte und um ihr Mitgefühl für ihn zu zeigen, half sie ihm auf die Beine.

„Kommen sie, wir fahren jetzt ins Revier und dann werde ich ihren Fall untersuchen.“

....

Kapitel 4

....

Stillman knallte die Akte auf seinen Schreibtisch, las noch ein letztes Mal aus dem Blatt Papier in seiner Hand, eines Abschlussberichts, den er kurz vorher noch aus den ersten Seiten herauszog.

„Joanna Livingston. Ermordet aufgefunden am 20. Mai 1975, in einem Hinterhof in der East Hills Street. Getötet durch mehrere Messerstiche in den Unterleib. Ihren Mann fand man noch am Tatort, mit der Mordwaffe in der Hand.“

„Oh, ja an den Fall kann ich mich noch erinnern. War alles absolut eindeutig.“

Es war auch fast zu erwarten, dass Jeffries etwas über diesen Fall gewusst hatte.

Stillman übergab Lilly das Blatt Papier. Sie nahm es an und begann darin zu lesen, unterbrach dabei ihre Recherche der restlichen Unterlagen.

„Die Spurensicherung hat sonst keine weiteren Untersuchungen durchgeführt?“

„Nein, immerhin fand man ihren Mann direkt vor ihr stehend, mit dem Messer in der Hand. Allein die Situation ließ doch sehr darauf schließen, dass er es getan haben musste. Außerdem hatte der Regen sämtliche weiteren nützlichen Dinge beseitigt.“

„Aber Steve musste das ganze doch verleugnet haben? Oder nicht?“
„Ja, das hatte er auch, wie es die meisten Mörder tun. Aber später bei der Verhandlung gab er den Mord dann zu.“

„Moment, mal. Er gab den Mord an seiner Frau zu?“
„Ja, das steht hier in der Akte. Und dann wird’s auch so gewesen sein. Also ein ungelöster Mord weniger.“

„Oder einer mehr und wir haben es all die Jahre nicht bemerkt.“

Beide blickten aus Stillmans Büro durch die Glaswand nach draußen zu Steve, welcher sehr nervös an Lillys Schreibtisch saß und in alle Richtungen blickte.

....

SZENENWECHSEL

....

„Mussten sie mich hier reinschleifen. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl in diesen Verhörräumen.“

„Sie haben mir doch gesagt sie hätten ihre Frau nicht ermordet, Steve. Wenn sie mich nicht angelogen haben, dann erklären sie mir jetzt mal wieso man sie mit der Tatwaffe in der Hand vorfand?“

Die Erinnerungen überfluteten Steve und er fand sich nun selbst in der kleinen Seitengasse wieder.

Er blickte auf den vor ihm liegenden Körper seiner Frau. Rannte auf sie zu und warf sich vor ihr hin. Rüttelte sie, aber sie zeigte keine Reaktion.

„Joanna? Joanna, bitte. Bitte nein... Joanna. Oh, mein Gott.“

Wimmernd brach er vor ihrem toten Körper zusammen und dabei bemerkte er das, neben ihr in einer großen Pfütze halb versunken liegende, Klappmesser. Seine zittrige, blutverschmierte Hand griff danach. Und als er begriff, was er da in der Hand hielt, da sprang er erschreckt auf, seinen Blick immer noch auf ihr Gesicht gerichtet. Unfähig etwas zu tun.

„Lassen sie die Waffe fallen und legen sie die Hände hinter den Kopf.“

....

„So war das. Und nicht anders.“
„Gut, aber das erklärt nicht, weshalb sie vor Gericht die Tat dann doch zugaben.“

„Mein Anwalt hatte mir dazu geraten. Er sagte immer, das wäre die beste Chance für mich. Die Jury würde mich sowieso für schuldig erklären und wenn ich die Tat zugäbe, dann wären das mildernde Umstände.“

Stillman, Valens, Vera und Jeffries verfolgten die Unterhaltung von der anderen Seite der Spiegelscheibe aus. Stillman wandte sich zu Valens und begann zu reden.

„Vielleicht sagt er ja wirklich die Wahrheit. Wenn ja dann haben unsere Kollegen einmal mehr schlampig ermittelt. Langsam scheint das zur Gewohnheit zu werden bei Fällen aus den Siebzigern. Egal, auf jeden fall sollten sie und Lilly versuchen den Anwalt ausfindig zu machen. Ein gewisser Paul Hogan.“

Valens nickte, und schrieb sich den Namen das Mannes in seinen kleinen Notizblock.
„Geht klar.“

„Und was sollen wir beide machen?“
„Sehen sie sich etwas in der Gegend um, in der die beiden wohnten. Vielleicht finden sie Nachbarn die noch immer da wohnen. Versuchen sie einfach das beste.“

„Verstanden.“

Jeffries und Vera verließen sogleich den Raum. Nur Valens blieb noch und starrte in den Verhörraum.

„Glauben sie wirklich, dass der Kerl die Wahrheit sagt?“

„Welchen Grund hätte er sonst her zu kommen? Immerhin saß er die Strafe schon ab.“

....

Kapitel 5

....

„Natürlich erinnere ich mich an den Fall.“
Paul Hogan lehnte sich beruhigt in seinen dunkelbraunen Ledersessel.
„War ne ziemlich verzwickte Angelegenheit. Man hatte mich Mr. Livingston als Pflichtverteidiger zugewiesen. Damals war ich noch ein kleines Lichtlein am Anwaltsnachthimmel. Frisch vom Studium. Ich wollte den Fall von Anfang an nicht und war andauernd kurz davor ihn ganz abzulegen. Aber sie wissen ja, ...sie haben das Recht auf einen Anwalt, wenn sie sich keinen leisten können, dann ... bla bla..“

Valens hob seinen Oberkörper leicht nach vorne aus dem Stuhl.

„Haben sie deshalb schlampige Arbeit geleistet? Weil sie den Fall nicht wollten?“

„Das ist eine böswillige Behauptung. Ich habe mein möglichstes getan um..“

„Warum haben sie Mr. Livingston dann geraten auf schuldig zu plädieren?“

Hogan nahm seine Brille ab und legte sie auf den Schreibtisch.

Ich traf ihn das erste Mal in einer Gefängniszelle.

....

Der junge Anwalt beschritt, sehr verunsichert, seine billige lederimitierte Aktentasche in der Hand haltend, die Zelle.

„Mr. Livingston? Ich bin ihr Anwalt.“

Steve, hob den gesenkten Kopf nach oben und blickte den Mann mit seinen, durch das ständige Weinen erröteten, Augen an.

„Anwalt? Ich kann mir keinen Anwalt leisten.“

„Ja, das weiß ich. Das Gericht hat mich ihnen zugeteilt. Aber das soll nicht bedeuten, dass ich nicht das Möglichste tun werde um ihnen zu helfen. Also wenn ich etwas für sie tun kann, egal was, dann...“

„Sie können mich hier raus holen.“

„Nun Mr. Livingston. Ich fürchte, das wird nicht so leicht sein. Die Beweise sprechen eindeutig gegen sie und es wird...“

„Es ist mir egal was die Beweise machen. Ich bin unschuldig. Unschuldig!!“

„Ja, natürlich sind sie das.“

....

Der Mann tat mir von Anfang an Leid. Sie hätten ihn sehen sollen. Wie er da saß. In seiner Zelle zusammengekauert. Ich konnte die Trauer in seinen Augen von Anfang an spüren. Ich hätte ihm wirklich gerne helfen wollen, aber wie ich schon sagte, der ganze Fall war sehr kompliziert. Livingston beteuerte ständig seine Unschuld. Die Beweislage war, erdrückend, gegen ihn gerichtet. Ich sah von Anfang an überhaupt keine Möglichkeit ihn der Jury als falschen Täter unterzubringen.“

Lilly schritt in das Gespräch ein.

„Haben sie ihm deshalb geraten, er solle die Tat zugeben?“

Hogan atmete lange tief ein und nickte dann. Er versuchte vehement den beiden Detektivs nicht in die Gesichter zu blicken.

„Ja, das habe ich. Leider. Aber es war die einzige Möglichkeit, ihm viele Jahre im Gefängnis zu ersparen.“

„Für mich macht das eher den Eindruck als ob sie die Verhandlung so schnell wie möglich beenden wollten.“

„Verdammt noch mal. Begreifen sie doch, wenn ich etwas Handfestes gehabt hätte. Beweise, Zeugenaussagen, irgendetwas. Ich wollte ihm helfen. Ich wollte ja, aber es gab keine Möglichkeit. Dieser Fall war, wie soll ich es ihnen begreiflich machen. Es war als ob sie mit 100 Meilen in der Stunde in einem Wagen mit verschlossenen Türen gegen eine Wand fahren und hoffen, dass ihnen nichts passiert.“

....

Kapitel 6

....

Jeffries klopfte an die Wohnungstür Nummer 51c. Eine alte Frau öffnete nach einigen Minuten.

„Ja, was wollen sie?“

„Guten Tag Mrs. Larson. Mein Name ist Detektive Jeffries, das hier ist Detektive Vera, Philadelphia Police. Wir haben uns in der Nachbarschaft durchgefragt und man sagte uns sie wohnten 1975 bereits hier?“

„Ja, das ist richtig.“

„Wir wollten ihnen einige Fragen zu dem Livingston Mord aus diesem Jahr stellen.“

„Livingston?... Oh, ja. Arme Frau. Sie war wirklich sehr nett. Wenigsten haben sie dieses Schwein gekriegt.“

„Ja, können sie sich vielleicht noch an etwas erinnern, dass an dem Abend passiert ist?“

„Oh, ja das kann ich. Ich war in der Küche und machte gerade Abendessen und da hörte ich etwas auf dem Flur.“

....

Mrs. Larson stand an ihrem Herd und rührte die billige Dosensuppe aus dem Shop um die Ecke langsam in das kochende Wasser hinein. Unbewusst pfiff sie die aus dem Radio tönende Melodie des Bruce Springsteen Songs: Born to run nach. Da hörte sie laute Stimmen auf dem Flur und begab sich zur Wohnungstür um durch den Spion zu blicken.

Zwei angetrunkenen Männer torkelten den Flur entlang und machten vor der gegenüberliegenden Tür halt. Die beiden grölten, das sehr entfremdet klingende, Rock ´n Roll all Night von Kiss.

Die Tür ging auf und Joanna sah die beiden verärgert an.

„Hallo, mein Schatz. Ich und Tom haben uns gerade darüber unterhalten wie schön du doch bist. Und dann..“

„Spar´s dir. Weißt du eigentlich wie lange ich schon mit dem Essen warte?“

Steve wollte seine Frau küssen. Doch sein alkoholisierter Atem erweckte Abscheu bei ihr.

„Du hast wieder getrunken. Und du? Verschwinde.“

„Du hast es gehört Tom. Der Hausdrachen hat gesprochen, also hau ab, bis morgen.“

Tom wackelte den Gang zurück die Treppe hinunter. Und Joanna und Steve verschwanden im Appartement.

....

„Wissen sie vielleicht wie dieser Tom, noch hieß?“

„Nein, wieso sollte ich. Aber die beiden kamen fast täglich angetrunken an. Ich nehme an, die haben zusammen gearbeitet.“

„Haben sie das der Polizei damals auch gesagt?“

„Nein, warum? Die haben den Kerl doch geschnappt. Außerdem war das was später passierte noch viel interessanter.“

....

Mittlerweile waren einige Stunden vergangen. Die Suppe war aufgegessen und der Abwasch erledigt. Mrs. Larson machte sich vor dem Fernseher breit und sah ihre allabendliche Quizshow. Als sie aus der Wohnung gegenüber wieder laute Stimmen hörte. Und wieder begab sie sich zum Türspion.

Sie sah gerade wie Joanna, weinend die Wohnung verließ und die Tür hinter sich zuknallte. Dann rannte sie, die Hand an der Wange, die Treppe hinunter. Wenige Sekunden später verließ auch Steve die Wohnung und rannte ihr nach.

....

„Moment mal. Er hat die Wohnung verlassen und ist ihr nachgelaufen?“

„Ja.“

„Sie wissen bestimmt nicht mehr wann das ungefähr war?“

„Doch das weiß ich. Und zwar deshalb weil meine Quizsendung gerade lief. Und die lief immer gegen 22 Uhr.“

„22 Uhr? Viel zu früh. Die Polizei nahm Livingston kurz nach 1 Uhr nachts fest.“

Vera sah Jeffries an und begann zu überlegen.

„Also ist Steve seiner Frau nachgelaufen. Vielleicht wollte er sich bei ihr entschuldigen. Dann ging er zurück in die Wohnung und Stunden später ging er sie suchen?“

„Ich störe ihre Unterhaltung nur ungern, aber Mr. Livingston ging an dem Abend nicht mehr zurück in seine Wohnung.“

„Was? Sind sie sich da sicher?“

„Ja, das bin ich.“

Vera antwortete ihr mit seinem typischen Veralachen.

„Haben sie etwa den ganzen Abend vor dem Türspion gelauert?“

Die alte Frau fand dies nicht sehr witzig. Vera musste unbewusst, ihr Handeln an jenem Abend erraten haben.

....

Kapitel 7

....

Wieder saß Steve im Verhörraum. Lilly stütze sich mit den Händen auf den Tisch und begann zu reden.

„Sie sind ihrer Frau an dem Abend gefolgt. Warum haben sie das nicht gesagt.“

„Was? Ähmm. Ich... ich bin ihr gefolgt. Aber nur bis unten vor die Treppe.

....

„Joanna, warte. Bitt warte doch!“

Sie drehte sich nicht um. Steve musste sie an den Armen packen um sie zum stehen zu bewegen.

„Lass mich los. Ich rede nicht mit dir. Nicht mehr heute.“

„Bitte Joanna. Es.. es tut mir leid. Ich.. ich wollte das nicht.“

„Ja, das sagst du jedes Mal. Und jedes Mal glaube ich dir. Aber langsam reicht es.“

„Ich werde mit dem Trinken aufhören, das verspreche ich dir. Ich werde damit aufhören.“

„Versprich nicht andauernd Dinge, die du nicht hältst.“

Joanna riss sich aus Steves Handgriff und lief die Straße entlang bis sie hinter der nächsten Kreuzung verschwand.

....

„Da saß ich sie zum letzen Mal lebend.“

„Wo sind sie danach hingegangen?“

„Zurück in die Wohnung.“

„Nein, sind sie nicht. Ihre Nachbarin, erzählte uns sie hätten die Wohnung an dem Abend nicht mehr betreten.“

„Dies, verrückte, neugierige Kuh.“

Lilly blickte Steve ernsthaft an.

„Na, gut. Ich.. ich bin an dem Abend noch ins Little Earl gegangen. Eine Kneipe, die nur zwei Häuserblocks entfernt lag. Und da bin ich geblieben, bis spät in die Nacht. Als ich die Kneipe verlassen hatte und nachhause ging, da fand ich meine Frau in der Gasse liegen.“

„Warum haben sie gelogen? Wie soll ich ihnen glauben, wenn sie mich anlügen?“

„Ich wollte nicht...“

Steve zögerte.

„Sie wollten was nicht? Das man sie für einen Trinker hielt, der gerne mal seine Frau schlägt, wenn er Abend nachhause kommt? Meinten sie das?“

„Ich bin kein Trinker. Ich trank ab und zu. Ja, aber doch nur weil Tom und ich nach der Arbeit noch ein zwei Biere zischten. Ich wollte mit dem Trinken aufhören, wenn das Baby kam.“

„Ja, klar. Das wollten sie. Das ist es was ihr immer behauptet. Das letzte Mal und dann werde ich mich ändern. Leere Versprechungen, die sie sowieso nicht eingehalten hätten. Und dann wenn das Bier leer war? Haben sie dann ihre Frau mitten in der Nacht in den Laden geschickt um Nachschub zu holen? Haben sie sie dazu gezungen? Ihr Schläge angedroht? Wissen sie, Steve. Ich bin froh, dass ihr Kind sie nicht ertragen musste.“

Ihre Gedanken waren mit ihr durchgegangen. Sie nahm die Trinkgeschichte zu persönlich. Ihr selbst tat leid, was sie zu Steve gesagt hatte. Sie konnte es deutlich in seinen Augen sehen. Die Trauer, der Selbsthass. Er wollte sich wirklich ändern.

Lilly lehnte sich gegen die Wand und kniff mit Daumen und Zeigefinger die Augen zusammen.

„Es... es tut mir leid.“

„Sie sprechen von mir, als ob ich meine Frau misshandelt habe? Das habe ich nicht. Ich.. habe das nie gewollt. Ich habe sie geliebt. Und ich habe aufgehört zu trinken. Seit sie tot ist, da rühre ich keinen Alkohol mehr an. Ich hätte.... ich hätte das viel früher machen sollen, dann... dann würde sie jetzt noch leben.

....

Kapitel 8

....

„Steve? Na klar kenn ich den noch. Man was wir damals weggesoffen haben. Hab ja nicht ahnen können, dass der Kerl ein Mörder ist.“

Vera und Jeffries waren sichtlich erleichtert. Nicht über seine Aussage. Aber Lilly hatte es ihnen doch leicht gemacht, als sie Steve im Verhör noch Toms Namen entlocken konnte. Thomas Opes. Jetzt Besitzer eines kleine Werkzeugladens in der Innenstadt.

„Sie haben die beiden an dem Tag noch getroffen?“

„Ja, war mit Steve noch eins Trinken. Und wir sind dann wie immer noch zu ihm. Normalerweise haben wir in der Wohnung noch immer eins gekippt. Aber an dem Abend da war seine Frau ja schon ganz schön sauer auf ihn.

....

Die Tür ging auf und Joanna sah die beiden verärgert an.

„Hallo, mein Schatz. Ich und Tom haben uns gerade darüber unterhalten wie schön du doch bist. Und dann..“

„Spar´s dir. Weißt du eigentlich wie lange ich schon mit dem Essen warte?“

Steve wollte seine Frau küssen. Doch sein alkoholisierter Atem erweckte Abscheu bei ihr.

„Du hast wieder getrunken. Und du? Verschwinde.“

„Du hast es gehört Tom. Der Hausdrachen hat gesprochen, also hau ab, bis morgen.“

....

„Ja, so war das. Und dann bin ich weg. Und am nächsten Tag hab ich’s dann in den Nachrichten gehört. Boh, das war n Schock.“

„Und ich nehme mal an, es gibt keinen der bezeugen kann, dass sie zuhause waren?“

„Nein. Aber Moment mal. Ich hoffe doch schwer, sie versuchen mir hier nichts anzuhängen? Steve wurde doch verurteilt oder?“

„Ja, wurde er, aber...“

„Also was wollen sie dann hier? Vielleicht sollten sie lieber richtige Verbrecher fangen und nicht anständige Menschen mit alten Geschichten nerven. Und wenn sie mich jetzt entschuldigen würden. Ich muss mich um meine Kundschaft kümmern.
....

Kapitel 9

....

„Das hat er gesagt?“

Lilly trank den letzten Rest aus dem lauwarmen Kaffeebecher.

„Ja, aber was noch seltsamer war. Außer Jeffriese, ihm und mir, war kein anderen im Laden.“

Jeffries lehnte sich vom Aktenschrank hervor.

„Anscheinend wollte der Kerl uns nur loswerden.“

„Dann haben wir ja immerhin schon einen Verdächtigen auf unserer Liste.“

„Sie sollten mit ihren Analysen lieber warten, bis wir Beweise haben, Scotty.“

Stillman sah ihn ernsthaft an.

„In dem Fall wurde schon zu sehr geschlampt. Wir sollten nicht mit den Fehlern weitermachen, mit denen unserer Kollegen damals aufgehört haben. Also findet möglichst viel über diesen Opes heraus. Lasst seinen Namen durchs Strafregister laufen. Auch und vielleicht sollten wir uns auch mal mit ihrem damaligen Arzt unterhalten.“

„Haben sie da etwa eine Vermutung wegen irgendwas, Boss?“

„Tja, wie ich schon gesagt habe, keine voreiligen Analysen.

....

Fortsetzung folgt…

© by Jimmylein